• Luca Samlidis

Klimakrise und Gerechtigkeit: Schuld ist nicht der Autofahrer!

Ich bin Klimaaktivist. Seit "Fridays for Future" investiere ich in Nichts mehr Zeit, als in Demonstrationsplanung, Strategie und Öffentlichtkeitsarbeit. Wie passt das damit zusammen, dass ich im Sommer 2020 nach Griechenland geflogen bin? Und was hat es mit dem Begriff "Klimagerechtigkeit" auf sich? Hier kommt die Antwort.

Weshalb ich ins Flugzeug gestiegen bin, ist einfach. Ich bin geflogen, weil ich mir die Zugfahrt zeitlich und finanziell nicht leisten kann. Klingt nach einer Ausrede? Ist es aber nicht. Über fünf Jahre habe ich meine Familie, die in Griechenland lebt, nicht gesehen. Seitdem sind Familienmitglieder gestorben und Kinder auf die Welt gekommen. Hochzeiten haben stattgefunden. Alles hat sich geändert.


Natürlich wäre ich gerne klimafreundlicher gereist. Das Problem: Wo mich ein Flug 2 1/2 Stunden und etwa 100 Euro kostet, brauche ich für die Zug- und Busfahrt mehr als drei Tage - und bezahle mehr als 150 Euro dafür. Ich schwimme nicht im Geld - und da bin ich nicht der Einzige. Auf diese Reise zu verzichten ist aber nicht das, was die meisten Klimaaktivisten erreichen wollen. Wir wollen Gerechtigkeit - und eben nicht, dass nur Reiche sich einen ökologischen Lebensstil leisten können.


Die folgenden drei Beispiele beleuchten weitere Aspekte von Klimagerechtigkeit.


1. Nicht der Autofahrer hat die Schuld

Eine Zugfahrt mit der Deutschen Bahn von Bonn nach Köln kostet fast acht Euro. Die Bahn ist zwar verhältnismäßig klimafreundlich, aber weder zuverlässig, noch günstig. Bahnfahren - und damit Klimaschutz - muss man sich also leisten können. Das Auto ist flexibler und oft günstiger. Gerecht ist das nicht.


2. Leben auf Kosten Anderer

Industrienationen wie Deutschland verursachen den allergrößten Teil der weltweiten CO2-Emissionen. Die - zum Teil tödlichen - Folgen der Klimakrise treffen aber zuerst diejenigen, die im globalen Süden leben und kaum Verantwortung für die Krise tragen. Indigene Völker haben schon jetzt mit anhaltender Dürre, Stürmen und Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen - dieser Punkt ist in der westlichen Welt noch nicht erreicht.


3. Ursache: Abwälzung von Kosten und Verantwortung

Ein fair gehandeltes und klimaneutral produziertes T-Shirt bekomme ich ab 20 Euro. Ein "normales" T-Shirt kostet mich etwa drei Euro. Wenn ich also klimazerstörende Produkte kaufe, die auch noch unter schrecklichen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden, zahle ich also weniger. Eigentlich müsste das genau anders herum sein. Denn jede ausgestoßene Tonne CO2 bedeutet hohe Folgekosten. Anpassung an die Folgen des Klimawandels, gesundheitliche Versorgung von Betroffenen, Umsiedlungen, Schutzmaßnahmen. All das ist teuer.


Die Sache ist: Wir, die in Industrienationen leben und die Hauptverantwortung für die Klimakrise tragen, zahlen (zurzeit) nur einen verschwindend geringen Teil dieser Kosten. Wer zahlen wird, sind unsere Kinder und Enkelkinder. Die nachfolgenden Generationen zahlen also für die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte. Und wer nicht so weit in die Zukunft blicken will, muss nur in den globalen Süden schauen. Denn die Menschen dort bezahlen schon heute, teilweise mit Menschenleben. Bei dieser Ungerechtigkeit schüttelt es mich. Echte Gerechtigkeit schaffen wir nur, wenn klimafreundliche Produkte und Dienstleistungen am Ende günstiger sind, als klimazerstörende. Das Bedeutet: Preise und Löhne für Beschäftigte rauf - Vermögen von Superreichen runter.


4. Soziale Ungerechtigkeit ist ein Klimakiller

Klar ist: Nur weil ein Mensch reich ist, lebt er nicht gleich klimaschonend. Häufig erleben wir genau das Gegenteil. Reiche haben mehr Geld für Konsum jeglicher Art - und stoßen unter dem Strich weitaus mehr CO2 aus, als weniger Vermögende. Und das, obwohl sie sich einen klimaschonenden Lebensstil durchaus leisten könnten.


Soziale Ungleichheit bedeutet also gleichzeitig Klimazerstörung. Wann hören wir also auf, immer über das Auto oder in Plastik verpackte Brot des*der Einzelnen zu sprechen und schaffen endlich den politischen und wirtschaftlichen Rahmen, dass jede*r sich Klimaschutz auch leisten kann? Das Individuum - also der Konsument - hat nicht alleine die Macht, diese tiefgreifenden Reformen zu erwirken.


KlimaSCHUTZ bedeutet beispielsweise Bahnfahren, fair gehandelte Produkte kaufen und Ökostrom beziehen. KlimaGERECHTIGKEIT bedeutet, dass das für jede*n bezahlbar ist. Es ist mehr als ungerecht, Klimaschutz auf dem Rücken der Schwächeren auszutragen. Also: Nicht KlimaSCHUTZ muss unser Ziel sein, sondern KlimaGERECHTIGKEIT. Für die Ärmeren, für die Menschen im globalen Süden. Für die Menschen, die in den Folgegenerationen auf diesem Planeten leben werden.


Und jetzt: Für Klimagerechtigkeit kämpfen!

Ganz ehrlich: dass ich den Flug nach Griechenland buchen musste, ärgert mich. Wir sind im 21. Jahrhundert und die Klimakrise ist seit vielen Jahrzehnten bekannt. Noch immer wird Klimaschonung durch politische und wirtschaftliche Mechanismen (finanziell) bestraft.


Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit sind also untrennbar. Die Demonstrationen müssen weitergehen, nicht nur für Klimaschutz - sondern für globale Klimagerechtigkeit! Es geht nicht um reine CO2-Reduktion, sondern eine sozial-ökologische Transformation. Und dafür lohnt es sich, laut und engagiert zu bleiben.


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