• Luca Samlidis

Als Frau in der Gründerszene: „Wir brauchen mehr systemischen Wandel“

Claudia Müller gründete vor drei Jahren in Frankfurt das „Female Finance Forum“. Die Ökonomin, die lange bei der Deutschen Bundesbank arbeitete, berät jetzt Frauen in nachhaltiger Geldanlage und erzählt im Interview etwas über sich und ihren Lebensweg als Frau in der Gründerszene.

Das Interview führte Luca Samlidis am 27. August 2020 für die Seite www.junior-programme.de.


Luca: Wie kamst du vor drei Jahren zu der Idee, das Female Finance Forum zu gründen?

Claudia: Eigentlich wollte ich Leuten beibringen, wie nachhaltige Geldanlage funktioniert. Mein Vater war dafür ein großer Auslöser. Er hat meine Begeisterung für nachhaltige Geldanlage erkannt und mich gefragt, wie auch er einsteigen kann. Und dann dachte ich, ich bringe das erst meinem Vater bei und dann anderen Menschen. Viele halten Nachhaltigkeit in Kombination mit Geldanlage aber für ein kompliziertes Thema. Deswegen war mein erstes Ziel, aufzuklären, was Geldanlage überhaupt ist.


Luca: Und wie ging´s dann weiter?

Claudia: Ich hab viel recherchiert und dabei ist mir aufgefallen, dass Altersarmut hauptsächlich ein weibliches Problem ist. Außerdem investieren Frauen ihr Geld seltener als Männer. Eine Freundin von mir meinte dann, dass sie sich mit dem Thema gerade beschäftigt, alle Autoren zu diesem Thema aber Männer seien. Sie hat sich von denen nicht angesprochen gefühlt und sich gewünscht, dass es auch mehr Content von Frauen für Frauen gibt. Dann hab ich einfach einen ersten Blog ins Leben gerufen und dafür viel positives Feedback von meinem Bekanntenkreis bekommen. Mit der Idee habe ich mich auf ein Stipendium beworben und mir Hilfe bei der Unternehmensgründung geholt.

Luca: Wie funktioniert dein Unternehmen?

Claudia: Im Wesentlichen über ein Seminarangebot. Also Workshops und Vorträge sind das Kerngeschäft.

Luca: Wer sind deine Kundinnen?

Claudia: Das war das Spannende. Ich habe das Stipendium vom Social Impact Lab bekommen, also ein Förderprojekt für soziale Unternehmensgründungen. Eine Beraterin fragte mich dann: „Du bist doch eigentlich hier, weil du eine Sozialunternehmerin bist. Wer ist denn dein Social Case?“ Und dann hab ich eben überlegt, wer sich angesprochen fühlen könnte und mich entschieden, nicht die Frauen selbst anzusprechen, sondern Unternehmen und Bildungseinrichtungen. Heute Morgen zum Beispiel war ich bei einem großen Pharmaunternehmen, das ein sehr aktives Frauennetzwerk hat – das Gendernetwork - und habe dort einen Vortrag gehalten. Jetzt per Webinar, da können nochmal besonders viele Leute dabei sein. Mein Zielkunde ist irgendwann mal DM, um zum Beispiel die Kassiererinnen im Schichtdienst zu coachen, die wenig Geld haben und für die es sehr schwierig ist, in ihrer Freizeit zu so einem Vortrag zu kommen und dann auch noch dafür zu bezahlen.

Luca: Du sprichst also Unternehmen auf teils sehr hohen Ebenen an und dort begegnet dir sicher auch der eine oder andere Mann. Erlebst du da Schwierigkeiten?

Claudia: Definitiv. Zum Beispiel der Kommentar, dass ich nur so erfolgreich bin, weil ich eine Frau bin. Ich habe aber auch im Finanzbereich schon genug Kommentare dazu gehört. Von daher erschreckt mich das nicht so sehr, und ehrlich gesagt werde ich als Gründerin durchaus ernst genommen. Es ist eher so, dass die Männer beleidigt sind, weil sie nicht in meine Veranstaltungen dürfen. Und das kann ich voll nachvollziehen, weil gerade auch Männer zum Teil keine Ahnung von Finanzen haben. Es sind nicht viele an der Börse. Wie viel hast du denn schon investiert?

Luca: Bisher nichts.

Claudia: Genau, und das heißt, dass dir so ein Workshop auch weiterhelfen und Spaß machen würde. Der Vortrag heute Morgen war zum Beispiel ein Einführungsworkshop und bei Webinaren ist es nicht so wichtig, ob auch Männer mit dabei sind. Ich hoffe, dass wir irgendwann dahinkommen, dass es egal ist, ob ich als Mann oder Frau gründe oder investiere oder sonst was, sondern eben als Mensch. Und bis dahin erkläre ich dann, warum ich das so mache. Frauen haben den viel höheren Bedarf nach solchen Workshops, auch wegen des niedrigeren Gehalts, Elternzeiten und anderen Dingen.

Luca: Und wie gehst du mit Kommentaren um?

Claudia: Kommentare muss man dann entweder kontern oder ignorieren.

Luca: Woran liegt es denn, dass es eine solche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zum Beispiel bei der Gründungsrate gibt? Es gründen ja auch im Start-Up-Bereich vor allem Männer.

Claudia: Ich glaube, es ist die Sozialisierung. Studien zeigen, dass Mädchen schon im Alter von fünf Jahren glauben, dass Mädchen dümmer sind als Jungs. Nicht, dass sie selber als Person dumm sind, sondern das Geschlecht an sich. Und das schlägt sich natürlich in solchen Bilanzen nieder.

Luca: Woran machst du das fest?

Claudia: Ein kleines Beispiel: Einmal habe ich erlebt, dass ein paar Kinder in einer Runde darüber sprachen, dass sie irgendwann einmal Chefs werden möchten. Einer hat gesagt: „Irgendwann werde ich Bundeskanzler, dann bin ich Chef von euch allen.“ Ein junges Mädchen daraufhin: „Das geht nicht, man muss eine Frau sein, um Bundeskanzler zu werden.“ Kinder schließen also von ihrer Erfahrung darauf, was „richtig“ ist. Und dabei hat diesem Mädchen niemand gesagt, dass man eine Frau sein muss, um Bundeskanzlerin zu sein. Es ist einfach das, was sie gesehen hat und was für sie „normal“ ist. Sie geht davon aus, dass das so sein muss. Und wir sehen eben, dass die meisten Professoren männlich und die meisten Sekretärinnen weiblich sind. Das merken sich Kinder und es schlägt sich auch in der Sprache nieder. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, die Sprache zu sensibilisieren, so nervig ich es selbst auch manchmal finde. Also neutrale Form oder beide. Und dann spielen Role Models, also Vorbilder, eine große Rolle.

Luca: Wie kann so was aussehen?

Claudia: Eben nicht nur Frauen wie Angela Merkel zeigen, bei denen es wieder so ist, dass sie sich zwischen Familie und Beruf entscheiden musste. Man sollte auch viel öfter Männer zeigen, die eben keine 80-Stunden-Woche arbeiten wollen und sich Zeit für ihre Familien nehmen.

Luca: Wo hast du denn schon ganz konkret Erfahrungen mit Benachteiligung aufgrund deines Geschlechts, also Sexismus, gemacht?

Claudia: Ich war für die Bundesbank auf Dienstreise und ein 60-jähriger Staatssekretär hat mir – nachdem er mitgekriegt hat, dass ich Single bin - gesagt, dass ich bei der Männersuche nicht zu wählerisch sein soll, damit ich nicht als „alte Jungfer“ sterbe.

Luca: Wow.

Claudia: Auf derselben Dienstreise kam er dann einige Tage später nochmal zu mir, um mich wegen der Großveranstaltung zu „beruhigen“ und meinte, dass seine Wiederbelebungsquote bei Frauen besser sei als bei Männern. Ich habe dann kurz überlegt, ob ich ihn frage, ob er auf die Mund-zuMund-Beatmung hinauswollte oder die Herz-Lungen-Massage, aber eigentlich wollte ich das gar nicht wissen. Und dann sagte er noch: „Ach ja, seit Brüderle müssen wir ja eigentlich vorsichtig mit solchen Aussagen sein.“ Das heißt er wusste ganz genau, dass er mit seinem Verhalten Grenzen überschreitet.

Luca: Wirklich erschütternd. Und nicht nur du erlebst solche Dinge, das ist ja auch schon bei Studentinnen nicht unüblich.

Claudia: Klar, dass das gar nicht geht, ist indiskutabel. Ich muss aber sagen, dass ich mich von ihm nicht bedroht gefühlt habe und keine Angst hatte. Mein Gedanke war eher „Okay, du bist widerlich, aber zum Glück gehst du in sechs Jahren in Rente und bist endlich weg.“ Was ich viel schlimmer fand, waren die ganzen Fragen, als ich die Bundesbank verlassen habe. Ob ich denn sicher sei, dass ich keine Kinder möchte, weil eine sichere Anstellung und anstehende Verbeamtung doch für eine Familie am besten sei. Ich würde wetten, dass kein oder kaum ein Mann diese Frage gestellt bekommt. An die Familienplanung sollen üblicherweise die Frauen denken, Männer sollen Karriere machen. Das ist eben Ausdruck dieser Sozialisierung, von der ich gerade gesprochen habe.

Luca: Da habe ich auch eine Geschichte erlebt. Als ich mich für ein Studium entscheiden musste, habe ich trotz sehr guten Abiturs Fächer gewählt, die nicht für große Karrieren bekannt sind. Irgendwann kamen zwei Bekannte auf mich zu und fragten, warum ich nicht Medizin oder Jura anstrebe, Kommunikationswissenschaften und Soziologie seien doch eigentlich was für Frauen.

Claudia: Und das finde ich genauso schlimm. Dieser Teil geht in Diskussionen auch ganz häufig verloren, denn eigentlich geht es um Entscheidungsfreiheit. Und das betrifft Männer genauso. Du willst ja auch keinen bescheuerten Spruch hören. Und jetzt stell dir vor, du hättest Erzieher werden wollen oder so. Dann bist du nicht nur ein Weichei, der seine Familie nicht ernähren will, sondern womöglich auch noch pädophil. Ganz ehrlich, das geht auch nicht. Was für ein Männerbild haben wir denn in unserer Gesellschaft?

Luca: Diese unbewussten Vorurteile und Strukturen sind also ganz stark vorhanden, auch in vermeintlich gebildeten Schichten, oder?

Claudia: Ganz genau. Die Bildung ist das eine und das Alter das andere. Es gibt sogar eine Studie, die zeigt, dass mehr als 50 Prozent der heute 16-18-Jährigen sich das Modell mit einem männlichen Haupternährer und einer Frau für den Haushalt und die Familie wünscht. Hätte man mir gesagt, dass das die heute 60-80-Jährigen das so sehen okay, aber so jung?

Luca: Was würdest du einer jungen Frau beim Umgang mit Sexismus im Allgemeinen raten? Hast du drei gute Ratschläge, was ihr dabei hilft, ihren eigenen Weg zu gehen?

Claudia: Sie soll sich überlegen, was sie gerne macht und wo sie gut drin ist. Und das dann auch durchziehen, egal ob das mit Familie vereinbar ist oder nicht. Man weiß nämlich nie, was kommt. Und wenn es eine Familie ist, dann lässt sich das irgendwie organisieren. Sie sollte also ihren eigenen Weg gehen. Also erstmal überlegen, wo sie hin will, was ihre Interessen und Stärken sind und dann: Go for it! Und auch wenn sich Ziele ändern, ist das kein Problem. Ich wollte zum Beispiel erst Generalsekretärin der Vereinten Nationen werden, dann Präsidentin der Europäischen Zentralbank und dann, auch weil ich nicht geduldig dafür war, habe ich mich für das Female Finance Forum entschieden.

Mein zweiter Tipp: Suche dir einen Freundeskreis, der dich unterstützt. Und das können gerne

Frauen sein, müssen es aber nicht. Das schafft eine Art Austauschplattform. Also zum Beispiel für Situationen wie die mit dem Staatssekretär. Darüber muss man mit engen Freundinnen und Freunden reden und einfach mal schauen, wie die vielleicht geantwortet hätten. Daraus kann man ja auch lernen.

Und der dritte Punkt: Such dir eine Mentorin oder einen Mentor. Irgendeine Art von Vorbild. Und diese Person – das ist jetzt strategisch gedacht – darf ruhig männlich sein. Also: Männer sind nicht unsere Feinde, sondern das System ist das Problem. Und momentan ist es einfach so, dass Männer häufiger in den entscheidenden Positionen sind. Wenn dein Mentor dann aber eine Tochter hat, vielleicht sogar in deinem Alter, dann versteht der deine Probleme sehr gut und ist in der Position, dass er dich stützen und fördern kann.

Luca: Du hast gerade gesagt, dass sich deine Ziele im Leben schon das eine oder andere Mal verändert haben. Was ist denn dein jetziges Ziel?

Claudia: Mein Ziel ist es, das Female Finance Forum zu der zentralen Bildungsplattform für Finanzen zu machen. Und dann aber breiter gestreut, also auch im Bereich von Steuern, Erbe, Scheidung, Versicherung und so weiter. Und mein ganz persönliches Ziel ist es, mit 60 nicht mehr arbeiten zu müssen und ein Café aufmachen zu können. Dann kann ich zwei Tage in der Woche Kuchen backen und den Rest der Zeit Kaffee trinken. Und auf dem Weg zu diesem persönlichen Ziel möchte ich dafür sorgen, dass das Absicherungssystem gerechter wird. Deswegen habe ich auch mein Buch geschrieben und werde das an diverse Politiker*innen und Entscheidungsstellen schicken. Wir brauchen mehr systemischen Wandel.